Wir bauen wieder eine feministische Bibliothek auf und ihr könnt in neuen und alten Bücher schmökern und sie ausleihen. Immer zu den Büro-Öffnungszeiten und beim Lesecafe, solltest du da keine Zeit haben auch auf Anfrage nach Terminvereinbarung.

Vom Sachbuch zum Roman, von der Broschüre zum Missy-Magazin, vom feministischen Kinderbuch zur Biografie.

Neben den aufgelisteten Büchern gibt es noch folgende Magazine: Emma, Missy, an.schläge, Aufbruch.

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Besprechung des Buches „Das Recht auf Sex“ von Amia Srinivasan.  Der Artikel von Sally Haslanger „Feminismus und die Theoriefrage“ (Original: Feminism and the Question of Theory) ist in der Ausgabe Herbst 2021 der online-Zeitschrift „the Raven. A Magazine of Philosophy“ erschienen.
Zur Originalversion des Textes geht es hierlang.

Übersetzung: Alexandra Franck.

Sally Haslanger ist Professorin für Philosophie sowie Frauen und Gender-Studien am MIT.

Feminismus und die Theoriefrage von Sally Haslanger

Amia Srinivasans Das Recht auf Sex unterzieht weit verbreitete Annahmen über das biologische Geschlecht (hier: Sex) und Gender einem brillanten, unerbittlichen Verhör. Aber Feminismus braucht mehr.
Feminismus ist eine Bewegung oder besser ein Bündel von Bewegungen. Er erscheint an verschiedenen Momenten in der Geschichte, unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen und reagiert auf sehr verschiedene Gegeben-heiten. Feminismus wird nicht durch Theorie veranlasst. Er wird durch ein kritisches Bewusstsein veranlasst, das sich vorstellen kann, dass Dinge sich ändern, besser werden können. Sex und Geschlecht müssen unserem Leben nicht die Struktur geben, die es hier und jetzt hat; sie müssen nicht der fort-dauernde, unnachgiebige Rahmen für unsere Wahl sein. Der Feminismus sagt uns nicht, was wir glauben oder wofür wir kämpfen sollen. Er lehrt uns eine Methode, Fragen zu stellen, einen Weg, die Wirklichkeit zu befragen; er lädt uns dazu ein, individuell und gemeinsam , ganz anders zu sein, als wir jetzt sind.

Amia Srinivasans Das Recht auf Sex ist eine brillante Vorführung dessen, was kritisches feministisches Bewusstsein ist. Es liefert keine Theorie, ist kein politisches Programm. Es stellt die Annahmen, die unsere tägliche Insze-nierung von Geschlecht und Sex („Sex“ als anatomisches Geschlecht und Sexualität zu verstehen) strukturiert in Frage, genauso wie die Annahmen, von denen eine Reihe feministischer KritikerInnen sich leiten lässt. Es ist, unter anderem, ein Einblick in die innere, mühsame Arbeit eines feminis-tischen, kritischen Bewusstseins während es sich entwickelt, um den Anforderungen des Augenblicks zu entsprechen.

Die verschiedenen Essays in „Das Recht auf Sex“ sind auf wichtige Werkzeuge aus dem Werkzeugkasten der Kritik angewiesen. Ich werde vier davon herausstellen: Entlarvung, Paradigmenverschiebung, sorgfältige Beachtung materieller Bedingungen und Misstrauen gegenüber Macht. Fangen wir mit Entlarvung an.

Es ist verführerisch zu denken, dass wir alle zustimmen können, dass Verge-waltigung etwas Schlimmes, sehr Schlimmes ist. Warum passiert es dann so oft? Das bleibt ein Rätsel. Jede dritte Frau und jeder vierte Mann hat „körperliche sexuelle Gewalt erfahren“, so das „US Center for Disease Control and Prevention“ und „fast jede fünfte Frau und jeder achtundreißigste Mann haben eine vollständige oder versuchte Vergewaltigung erfahren.“ Jugendliche Transgendermenschen und Menschen mit Behinderung sind besonders gefährdet. Es ist nicht plausibel, dass diese Gewalt passiert, weil die Täter willensschwach sind, dass sie es nicht stoppen können, obwohl sie wissen, dass es moralisch falsch ist. Die #MeToo-Bewegung –  errichtet auf anhaltenden Bemühungen, auf sexuelle Belästigung, sexuelle Gewalt, Sex-handel hinzuweisen, hat aus dieser Plage ein Thema der öffentlichen Diskussion gemacht.

„Entlarvung“ zielt auf Mythen die mit dem gesunden Menschverstand verwoben sind oder standardmäßig bei Rechtfertigungen Anwendung finden. Was sind also die allgemeinen Strategien, um sexuelle Angriffe und Vergewaltigung zu verdecken oder zu entschuldigen? Da gibt es natürlich viele. Eine vertraute Antwort auf die Forderungen der #MeToo-Bewegung ist, dass die Grenze zwischen Vergewaltigung und Nichtvergewaltigung sich verwischt hat und dass es unfair ist, Männer aufzufordern, sich den neuen Standards anzupassen, die ständig in Bewegung sind. Srinivasans Entlarvung dieses Gedankenstrangs ist überzeugend: Männer wissen genug, um Vergewaltigung zu vermeiden oder könnten genug wissen, wenn sie aufmerksam wären:

Wer darauf besteht, dass Männer nicht in der Lage sind, es besser zu wissen, leugnen, was Männer gehört und gesehen haben. Männer haben gewählt, nicht zuzuhören, weil es ihnen so passt, weil männliche Normen ihnen gebieten, dass ihr Spaß Vorrang hat, weil alle anderen Männer um sie herum, es genauso handhaben. Die Regeln, die sich wirklich geändert haben und sich weiterhin ändern, betreffen nicht so sehr, was gut oder schlecht beim Sex ist… sondern dass Männer nicht länger darauf vertrauen können, wenn sie Schreie und Stillschweigen der Frauen, die sie erniedrigen, ignorieren, dass das keine Konsequenzen haben wird.

Die vollständige Übersetzung findet ihr hier:

Rezension
Sprache und Sein von Kübra Gümüşay
(2020, Hanser Berlin, 18 Euro)

von Dorothee Braunwarth

Kübra Gümüşay ist Autorin, Journalistin und Aktivistin. Ihre Familie ist türkischstämmig, sie wuchs in Deutschland auf und studierte u.a. in Großbritannien. Als feministisch und antirassistisch engagierte Frau, die Kopftuch trägt und auf verschiedenen Plattformen on- und offline ihre Stimme erhebt sowie publiziert, steht sie bereits seit einigen Jahren in der Öffentlichkeit. Anfang dieses Jahres erschien nun ihr Buch Sprache und Sein, das laut Klappentext fragt: Wie können wir als Gesellschaft über Probleme sprechen, ohne den Hass der Rechten zu nähren – respektvoll, wohlwollend, ohne Angst vor Fehlern? Wie können wir frei sprechen?

Meiner Einschätzung nach löst der Essay dieses Versprechen aber nur bedingt ein – trotzdem ist er, gerade für Personen, die speziell von rassistisch motivierter Diskriminierung nicht betroffen sind, sehr erhellend und unbedingt lesenswert. Kübra Gümüşay stellt das Thema in engem Bezug zu ihrer eigenen Biographie und Erlebnissen dar. So wird sehr eindrücklich geschildert, warum für sie als muslimische Frau mit türkischstämmigen Eltern, also als Person, die aufgrund mehrerer Aspekte marginalisiert und diskriminiert wird, das Thema Sprache und deren Wirkmacht schon auf ganz persönlicher Ebene so wichtig ist. Sie stellt aber auch den Bezug zur größeren gesellschaftlichen Dimension her und zitiert aus Forschungsergebnissen, z.B. zum Thema Gender und Sprache. Dieser Ansatz ermöglicht es v.a. Leser*innen, die selbst nicht direkt von Rassismus betroffen sind, wirklich einmal im Ansatz nachzuvollziehen, was es bedeutet, sich eben tagtäglich mit Ablehnung, Feindseligkeit und Nicht-Gehört-Werden auseinandersetzen zu müssen, weil man von außen gezwungen wird; dies wird sehr eindrücklich, wenn die Autorin Erlebnisse beschreibt, die sie bereits als Kind hatte: Etwa wie sie als junges Mädchen von Fremden in der U-Bahn mehr oder minder für die Anschläge des 11. Septembers verantwortlich gemacht wurde.

Einen Aspekt, der mir allgemein und hinsichtlich des Themas Diskriminierung hier besonders wichtig erscheint, ist der von Gümüşay beschriebene Mechanismus der Kollektivierung von Menschengruppen. Aus dem sinnvollen und notwendigen Streben des Menschen, die Umwelt in Kategorien einzuteilen, die unser Gehirn braucht, um überhaupt funktionieren zu können, entsteht die ungute Tendenz, eine Person (1) auf ein Attribut (z.B. ihre Religion) zu reduzieren und (2) sie (als bereits „reduzierte“ Person) als Vertreterin einer ganzen großen Gruppe zu verstehen. Aus einer Frau mit Kopftuch wird so die Repräsentantin der Kopftuchträgerinnen, welche z.B. nun in dieser Rolle in Talkshows sitzen muss. Dass Sprache an diesem Geschehen einen großen Anteil hat und extrem ausschließend und reduzierend wirken kann, ist klar. Was meiner Meinung nach in diesem Werk aber nicht passiert, ist eine sprachphilosophische Auseinandersetzung mit dem versprochenen Thema im eigentlichen Sinne, wie sie der Titel erwarten lässt; es werden in dieser Hinsicht lediglich (viele) Zitate angeführt, v.a. von Philosoph*innen, Dichter*innen, aber auch aus der Popkultur, die meist den Kapiteln vorangestellt sind. Sie werden aber eher eingeworfen denn eingebunden und meist nicht weiter diskutiert oder erläutert – ohne Kontext und teilweise auch ohne historische Einordnung hält sich meiner Meinung nach deren Mehrwert jedoch in Grenzen. Die Lehren von Aristoteles, Wittgenstein und co. zu bestimmten Themen lassen sich nämlich kaum in zwei Sätzen zum Ausdruck bringen bzw. werden durch diese nicht wirklich verstehbar und ersichtlich. Und den ebenso angeführten Nietzsche mit dem Ziel des Buches eines respektvollen, wohlwollenden Sprechens in Einklang zu bringen, fällt doch sehr schwer angesichts seiner Theorien.

Das Buch löst also diese Erwartung für mich nicht ein, dadurch wird es aber nicht weniger lesenswert. Es macht rassistische Strukturen und Mechanismen, auf struktureller sowie persönlicher Ebene, sicht- und fühlbar (auch wenn klar ist, dass ein tatsächliches Hineinversetzen in die Autorin speziell für mich als weiße Frau nur sehr begrenzt möglich ist). Hierin liegt für mich die große Stärke von Gümüşay: Sie ermöglicht es der/dem Leser*in, einfach mal zuzuhören. Weder versucht sie die Thematik zu entemotionalisieren (denn gehasst zu werden, tut nun mal weh), noch liefert sie Vereinfachungen der Sorte „Wir müssen uns einfach alle lieb haben“. Auch ist Gümüşays „Botschaft“ trotz allem nicht nur pessimistisch, denn sie ist durchaus der Meinung, dass wir als Gesellschaft uns in diesem Aspekt weiterentwickeln können. Sie ermutigt dazu, diskriminierten Menschen zuzuhören, sie und ihre Erfahrungen ernst zu nehmen – und dabei anzuerkennen, dass letztere zwar repräsentativ für strukturelle Probleme sind, die Menschen selbst jedoch als von diesen betroffene Individuen zu sehen, und nicht als Vertreter*innen eines Kollektivs. Dies kann zu bewussterer Sprache/Sprechen und damit hoffentlich zu besserer Verständigung und einer nicht feindseligen, sondern verständnisvollen Debattenkultur führen.