Wir bauen wieder eine feministische Bibliothek auf und ihr könnt in neuen und alten Bücher schmökern und sie ausleihen. Immer zu den Büro-Öffnungszeiten und beim Lesecafe, solltest du da keine Zeit haben auch auf Anfrage nach Terminvereinbarung.

Vom Sachbuch zum Roman, von der Broschüre zum Missy-Magazin, vom feministischen Kinderbuch zur Biografie.

Du suchst ein Buch, das wir (noch) nicht haben? Schicke deinen Buchwunsch an info@frauenzentrum-erlangen.de, vielleicht steht es bald im Regal!


Rezension
Sprache und Sein von Kübra Gümüşay
(2020, Hanser Berlin, 18 Euro)

von Dorothee Braunwarth

Kübra Gümüşay ist Autorin, Journalistin und Aktivistin. Ihre Familie ist türkischstämmig, sie wuchs in Deutschland auf und studierte u.a. in Großbritannien. Als feministisch und antirassistisch engagierte Frau, die Kopftuch trägt und auf verschiedenen Plattformen on- und offline ihre Stimme erhebt sowie publiziert, steht sie bereits seit einigen Jahren in der Öffentlichkeit. Anfang dieses Jahres erschien nun ihr Buch Sprache und Sein, das laut Klappentext fragt: Wie können wir als Gesellschaft über Probleme sprechen, ohne den Hass der Rechten zu nähren – respektvoll, wohlwollend, ohne Angst vor Fehlern? Wie können wir frei sprechen?

Meiner Einschätzung nach löst der Essay dieses Versprechen aber nur bedingt ein – trotzdem ist er, gerade für Personen, die speziell von rassistisch motivierter Diskriminierung nicht betroffen sind, sehr erhellend und unbedingt lesenswert. Kübra Gümüşay stellt das Thema in engem Bezug zu ihrer eigenen Biographie und Erlebnissen dar. So wird sehr eindrücklich geschildert, warum für sie als muslimische Frau mit türkischstämmigen Eltern, also als Person, die aufgrund mehrerer Aspekte marginalisiert und diskriminiert wird, das Thema Sprache und deren Wirkmacht schon auf ganz persönlicher Ebene so wichtig ist. Sie stellt aber auch den Bezug zur größeren gesellschaftlichen Dimension her und zitiert aus Forschungsergebnissen, z.B. zum Thema Gender und Sprache. Dieser Ansatz ermöglicht es v.a. Leser*innen, die selbst nicht direkt von Rassismus betroffen sind, wirklich einmal im Ansatz nachzuvollziehen, was es bedeutet, sich eben tagtäglich mit Ablehnung, Feindseligkeit und Nicht-Gehört-Werden auseinandersetzen zu müssen, weil man von außen gezwungen wird; dies wird sehr eindrücklich, wenn die Autorin Erlebnisse beschreibt, die sie bereits als Kind hatte: Etwa wie sie als junges Mädchen von Fremden in der U-Bahn mehr oder minder für die Anschläge des 11. Septembers verantwortlich gemacht wurde.

Einen Aspekt, der mir allgemein und hinsichtlich des Themas Diskriminierung hier besonders wichtig erscheint, ist der von Gümüşay beschriebene Mechanismus der Kollektivierung von Menschengruppen. Aus dem sinnvollen und notwendigen Streben des Menschen, die Umwelt in Kategorien einzuteilen, die unser Gehirn braucht, um überhaupt funktionieren zu können, entsteht die ungute Tendenz, eine Person (1) auf ein Attribut (z.B. ihre Religion) zu reduzieren und (2) sie (als bereits „reduzierte“ Person) als Vertreterin einer ganzen großen Gruppe zu verstehen. Aus einer Frau mit Kopftuch wird so die Repräsentantin der Kopftuchträgerinnen, welche z.B. nun in dieser Rolle in Talkshows sitzen muss. Dass Sprache an diesem Geschehen einen großen Anteil hat und extrem ausschließend und reduzierend wirken kann, ist klar. Was meiner Meinung nach in diesem Werk aber nicht passiert, ist eine sprachphilosophische Auseinandersetzung mit dem versprochenen Thema im eigentlichen Sinne, wie sie der Titel erwarten lässt; es werden in dieser Hinsicht lediglich (viele) Zitate angeführt, v.a. von Philosoph*innen, Dichter*innen, aber auch aus der Popkultur, die meist den Kapiteln vorangestellt sind. Sie werden aber eher eingeworfen denn eingebunden und meist nicht weiter diskutiert oder erläutert – ohne Kontext und teilweise auch ohne historische Einordnung hält sich meiner Meinung nach deren Mehrwert jedoch in Grenzen. Die Lehren von Aristoteles, Wittgenstein und co. zu bestimmten Themen lassen sich nämlich kaum in zwei Sätzen zum Ausdruck bringen bzw. werden durch diese nicht wirklich verstehbar und ersichtlich. Und den ebenso angeführten Nietzsche mit dem Ziel des Buches eines respektvollen, wohlwollenden Sprechens in Einklang zu bringen, fällt doch sehr schwer angesichts seiner Theorien.

Das Buch löst also diese Erwartung für mich nicht ein, dadurch wird es aber nicht weniger lesenswert. Es macht rassistische Strukturen und Mechanismen, auf struktureller sowie persönlicher Ebene, sicht- und fühlbar (auch wenn klar ist, dass ein tatsächliches Hineinversetzen in die Autorin speziell für mich als weiße Frau nur sehr begrenzt möglich ist). Hierin liegt für mich die große Stärke von Gümüşay: Sie ermöglicht es der/dem Leser*in, einfach mal zuzuhören. Weder versucht sie die Thematik zu entemotionalisieren (denn gehasst zu werden, tut nun mal weh), noch liefert sie Vereinfachungen der Sorte „Wir müssen uns einfach alle lieb haben“. Auch ist Gümüşays „Botschaft“ trotz allem nicht nur pessimistisch, denn sie ist durchaus der Meinung, dass wir als Gesellschaft uns in diesem Aspekt weiterentwickeln können. Sie ermutigt dazu, diskriminierten Menschen zuzuhören, sie und ihre Erfahrungen ernst zu nehmen – und dabei anzuerkennen, dass letztere zwar repräsentativ für strukturelle Probleme sind, die Menschen selbst jedoch als von diesen betroffene Individuen zu sehen, und nicht als Vertreter*innen eines Kollektivs. Dies kann zu bewussterer Sprache/Sprechen und damit hoffentlich zu besserer Verständigung und einer nicht feindseligen, sondern verständnisvollen Debattenkultur führen.