Wir bauen wieder eine feministische Bibliothek auf und ihr könnt in neuen und alten Bücher schmökern und sie ausleihen. Immer zu den Büro-Öffnungszeiten und beim Lesecafe, solltest du da keine Zeit haben auch auf Anfrage nach Terminvereinbarung.
Vom Sachbuch zum Roman, von der Broschüre zum Missy-Magazin, vom feministischen Kinderbuch zur Biografie.
Neben den aufgelisteten Büchern gibt es noch folgende Magazine: Missy, an.schläge, Aufbruch.
Du suchst ein Buch, das wir (noch) nicht haben? Schicke deinen Buchwunsch an info@frauenzentrum-erlangen.de, vielleicht steht es bald im Regal!
Unsere Neuzugänge im Dezember 2025
Gregor, Susanne: Halbe Leben.
Der Roman beginnt mit einem Knalleffekt, der nicht unbedingt notwendig gewesen wäre: Klara, die für ihre Mutter eine Pflegerin engagiert hat, ist bei einer Wanderung abgestürzt. Dabei war nur die slowakische Pflegerin Paulina, die die Rettungskette sehr langsam in Gang setzte. Was folgt, ist keine Kriminalgeschichte, sondern ein feinfühliger Roman über zwei Frauen im selben Alter, die beide zwischen ihrer Familie und dem Beruf zerrissen sind: Klara, weil sie sich mehr in der Karriere- statt in der Mutterrolle wohlfühlt, und Paulina, weil sie auf das Geld angewiesen ist und ihre Söhne während ihrer Abwesenheit in der Obhut von deren Großmutter sind.
Flitner, Bettina: Meine Mutter
Als Bettina Flitner für eine Lesung aus ihrem Buch »Meine Schwester« nach Celle zurückkehrt – dorthin, wo vor 40 Jahren ihre Mutter beerdigt wurde –, springen sie mit unerwarteter Heftigkeit Fragen an, die sie lange von sich fern gehalten hatte: Fragen nach dem großen Unglück im Leben ihrer Mutter und nach einer Familienkatastrophe in einer fernen Zeit und in einem fernen Land. Und so begibt sich Bettina Flitner auf eine Reise voller Überraschungen und Entdeckungen in den Luftkurort Wölfelsgrund im ehemaligen Niederschlesien, dem heutigen Międzygórze, wo ihre Vorfahren bis zur dramatischen Flucht 1946 ein Sanatorium besessen und geleitet haben. Aus den Erlebnissen ihrer Reise ins heutige Polen, den Tagebüchern und Dokumenten ihrer Familienmitglieder und ihren eigenen Erinnerungen an das Leben ihrer Mutter erschafft Bettina Flitner nicht weniger als ein literarisches Meisterwerk, einen hochspannenden Familienroman, der zugleich eine nachgetragene Versöhnung mit der eigenen Mutter ist und die erlösende Kraft des Erinnerns und des genauen Erzählens demonstriert.
Wolff, Kristina Felicitas (Hrsg.): Wie viel noch? Deutschlands gebilligte Femizide.
Dieses Buch fordert zu einer politischen Debatte auf, indem es ein Bild der aktuellen Situation anhand von Zahlen, Daten und strukturellen Zusammenhängen aufzeigt. Über die Perspektive betroffener Frauen wird der staatliche Anteil am fehlenden Gewaltschutz für Mädchen und Frauen in Deutschland deutlich gemacht.
Wie entsteht Gewalt gegen Frauen und wer übt diese aus? Welche sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Faktoren beeinflussen diese? Wie wird darüber in den Medien berichtet? Wie wird Gewalt gegen Frauen rechtlich verfolgt? Und wie kann sie verhindert werden?
Koldehoff, Sarah: Dick Pics
Penisbilder haben eine lange Geschichte, durch die Digitalisierung aber hat ihre Produktion und Verbreitung enorm zugenommen. Fast jede zweite Frau im Alter zwischen 16 und 24 Jahren hat online schon einmal ungefragt ein Nacktfoto erhalten – oft wird dies als übergriffig und beschämend erlebt. Sarah Koldehoffs Essay zeigt eindrücklich, wie Dick Pics als Zeichen männlicher Dominanz in der digitalen Sphäre wirken, warum sie so viel häufiger sind als Pussy Pics – und diskutiert, wie unfreiwillige Empfängerinnen mit ihnen umgehen können.
Kastner, Heidi: Feigheit
In einer Zeit, in der angesichts zunehmender Krisen Zivilcourage, Verantwortungsbewusstsein und Mut gefordert sind, scheint sich gerade das Gegenteil zu verbreiten: Vermeidung, Angst, Gleichgültigkeit oder das Unterlassen des Gebotenen – kurz: Feigheit. In ihrem Buch geht die Psychiaterin Heidi Kastner den möglichen Gründen für diese Entwicklung nach. Sei es das Aufbegehren gegen Autoritäten, das Ghosting in Beziehungen oder das Eintreten für Schwächere: An vielen Beispielen macht Heidi Kastner die Bedeutung von Feigheit im Denken, Fühlen und Handeln der Menschen deutlich. Von konformem Verhalten und der Angst, etwas Falsches zu sagen, über das Ignorieren von Missständen aus Selbstschutz bis hin zu banaler Bequemlichkeit – beim Lesen erschließt sich die ganze Bandbreite der Feigheit als vielschichtiges und facettenreiches Phänomen.
Haltung zeigen und sich Herausforderungen stellen: Dieses sozialpsychologische Buch lässt einen nicht kalt und macht Mut, couragiert und mit Anstand zu handeln.
Draesner, Ulrike: penelopes sch( ) iff. postepos.
Penelope – Inbegriff der treuen Gattin, makellos in der Erfüllung ihrer Rolle als bescheiden dienende Ehefrau. Ulrike Draesner wirft dieses Narrativ beherzt über Bord und ermöglicht eine Vielzahl neuer Perspektiven: auf die Person Penelope und ihre Wünsche, ihre Tatkraft, ihren Aufbruch in ein neues Leben. Auf die bis heute prägende Kraft der Frauen- und Männerbilder des alten Griechenland. Und nicht zuletzt auf die Frage danach, was gute Regierung bedeutet. Draesners Penelope ist klug, leidenschaftlich, freiheitsliebend. Als deutlich wird, dass der so traumatisierte wie brutalisierte Kriegsheimkehrer Odysseus als Herrscher nicht mehr tragbar ist, sticht sie gemeinsam mit hundert Frauen in See. Mit Listen, die u.a. Sirenen, Großmütter und fliegende Fische enthalten, entkommt man auf dem eigens angefertigten Schiff den Verfolgern. Abenteuerlich wird die Fahrt. Nicht nur geografisch führt sie ins Ungewisse. Der Unterschied zwischen freien Helleninnen und ihren aus Afrika stammenden Sklavinnen schmilzt als erstes dahin. Immer mehr Frauen erheben die Stimme und verlangen ihre Rechte. Am Ende landet eine bunte Gesellschaft in jener Lagune an, die wir heute Venedig nennen. Es gilt, ein neues Zuhause für alle zu schaffen. Sogar die Mücken bekämpft man am besten – gemeinsam.
Berg, Sibylle: La Bella Vita PNR
Revolution machen kann (fast) jeder. Eine neue Gesellschaftsordnung aufbauen: das schaffen nur ein paar Nerds. Nach einer gelungenen Revolution, die das Finanz- und Gesellschaftssystem sanft beseitigt hat, wird sie endlich errichtet: die schöne neue Welt nach dem Kapitalismus. In dieser Welt ist alles verschwunden, woran die Menschen zu glauben gelernt hatten, in der jeder erstaunt bemerkt – dass es möglich ist, ohne Angst zu existieren und ohne sein Leben an einen Arbeitgeber zu verkaufen. Vom Wohnen bis zur Landwirtschaft, von der Art Urlaub zu machen bis zu der Frage: Wohin mit der Bürokratie? erfindet sich Europa neu. Aber: Was interessiert Don Europa? Sie ist in Italien, dem besten Ort, um auf Ruinen etwas Neues zu errichten.
Bischoff, Sash: Sweet Fury. Zärtlich ist die Rache
Eine Hollywood-Schauspielerin mit einem gefährlichen Traum. Ein Psychotherapeut, der seine Rolle vergisst. Ein tödliches Spiel von Illusion, Rache und Gerechtigkeit.
Die gefeierte Schauspielerin Lila Crayne ist freundlich, großzügig und wunderschön. Mit ihrem Verlobten, einem visionären Regisseur, beginnt sie die Arbeit an einem neuen Film: einer feministischen Version von »Zärtlich ist die Nacht«. Schon bald gerät Lilas perfektes Leben aus den Fugen – und ihr Psychotherapeut versucht, die Scherben aufzusammeln. Doch in diesem Spiel ist keiner, was er oder sie zu sein scheint. Bald geht es um alles: Identität, Karriere, Leben und Mord.
Beck, Nadine; Schilling, Rosa: Vulva! Wissen für unter der Gürtellinie
»Vulva!« ist DAS Sachbuch für alle, die mit diesem vulvantastischen Genital auf die Welt gekommen sind – und alle anderen, die mehr darüber lernen möchten. Hier wird endlich Klartext geredet, ohne Scham und mit viel Selbstliebe: Was ist eine Vulva? Wo kommt sie her, wie entwickelt sie sich? Was kann sie alles Tolles? Und wie passe ich gut auf sie auf? Die beiden Sexualpädagoginnen Nadine Beck und Rosa Schilling erklären humorvoll und mit Fingerspitzengefühl die Wunderwelt und Vielfalt dieses genialen Genitals und geben wichtiges Wissen an die Hand. Dabei werden Klitoris und Vagina genauso in ihren Besonderheiten erklärt wie Menstruation oder ein selbstbestimmter Umgang mit dem eigenen Körper und Geschlecht. »Vulva!« ist Empowerment, Aufklärung und Prävention in einem und beweist zusammen mit den frechen, witzigen Illustrationen, dass Wissen für unter der Gürtellinie garantiert alles andere als peinlich ist!
Bennewitz, Nadja: Von Auschwitz nach Nürnberg. Das KZ-Außenlager der Siemens-Schuckertwerke
Gegen Kriegsende ließen die Siemens-Schuckertwerke etwa 550 jüdische Mädchen und Frauen aus dem Konzentrationslager Auschwitz als Arbeitskräfte nach Nürnberg bringen. Untergebracht wurden sie inmitten eines Wohngebiets, zwischen der Gartenstadt und den heutigen Siedlungen Süd: in einem von Stacheldraht umgebenen Lager aus Holzbaracken, bewacht von SS-Männern und eigens angelernten SS-Aufseherinnen. Geschichte, Aufarbeitung, Hintergründe und Zusammenhänge. Viele Bilder.
Kusanika, Nadège: Unter derselben Sonne
„Lisolo“ bedeutet auf Lingala, einer der Nationalsprachen des Kongo, Geschichten zu erzählen. Und davon hat die Autorin viel zu erzählen: von ihrer Kindheit im Kongo, von Süßkartoffelblättern und Mango mit Pili Pili, vom unendlichen Sternenhimmel, von Plastiksandalen und ewig staubiger Erde; aber auch von Hunger und Armut, von Ankommen in einem fremden Land und vom Hineinwachsen in die deutsche Gesellschaft.
Landsteiner, Anika: Sorry not sorry
In klugen, persönlichen Texten über aale Aspekte ihres Lebens – von Arbeit über Krankheit und Sexualität bis hin zur Auseinandersetzung mit ihrer Biografie, reflektiert die Autorin über Selbstwert, Grenzüberschreitungen und darüber, dass sie sich nicht mehr kleinmachen lässt, weder von sich selbst noch von anderen.
Ashley, Beth: Sluts. Die Wahrheit über slutshaming und was du dagegen tun kannst
Slutshaming ist überall. In der Schule, an der Uni, auf der Straße, im Club und sogar zuhause. Fast alle Mädchen und Frauen kommen irgendwann damit in Berührung. Slutshaming hat viele Gesichter. Mit fundierten Recherchen und Statistiken, Interviews und praktischen tipps gibt die Autorin Werkzeuge an die Hand, um Slutshaming zu erkennen und dagegen anzugehen.
Aber, Aria: Good Girl
Nila ist jung und voller Sehnsucht nach dem Leben. Sie schlingert zwischen Clubs, Plattenbauten und Freunden, die den Sozialismus predigen, bis sie den amerikanischen Schriftsteller Marlowe Woods kennenlernt, der ihr großzügig die Tür zur Welt der Kunst und Mäzene öffnet. Doch schon bald folgen Ansprüche und Forderungen, die die Grenzen der Erträglichkeit für Nila weit überschreiten.
Ravn, Olga: Wachskind
Christence Kruckow, eine unverheiratete Adlige, wird im Dänemark des 17. Jahrhunderts der Hexerei beschuldigt. Ihr und einigen anderen Frauen wird nachgesagt, von Teufel besessen zu sein. Dieser sei in Gestalt eines großen, kopflosen Mannes zu ihnen gekommen und habe ihnen dunkle Kräfte verliehen: Sie könnten Menschen ihr Glück rauben, unchristliche Taten begehen und Pest und Tod verursachen. Dafür droht ihnen allen der Scheiterhaufen …
Besprechung des Buches „Das Recht auf Sex“ von Amia Srinivasan. Der Artikel von Sally Haslanger “Feminismus und die Theoriefrage” (Original: Feminism and the Question of Theory) ist in der Ausgabe Herbst 2021 der online-Zeitschrift „the Raven. A Magazine of Philosophy“ erschienen.
Zur Originalversion des Textes geht es hierlang.
Übersetzung: Alexandra Franck.
Sally Haslanger ist Professorin für Philosophie sowie Frauen und Gender-Studien am MIT.
Feminismus und die Theoriefrage von Sally Haslanger
Amia Srinivasans Das Recht auf Sex unterzieht weit verbreitete Annahmen über das biologische Geschlecht (hier: Sex) und Gender einem brillanten, unerbittlichen Verhör. Aber Feminismus braucht mehr.
Feminismus ist eine Bewegung oder besser ein Bündel von Bewegungen. Er erscheint an verschiedenen Momenten in der Geschichte, unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen und reagiert auf sehr verschiedene Gegeben-heiten. Feminismus wird nicht durch Theorie veranlasst. Er wird durch ein kritisches Bewusstsein veranlasst, das sich vorstellen kann, dass Dinge sich ändern, besser werden können. Sex und Geschlecht müssen unserem Leben nicht die Struktur geben, die es hier und jetzt hat; sie müssen nicht der fort-dauernde, unnachgiebige Rahmen für unsere Wahl sein. Der Feminismus sagt uns nicht, was wir glauben oder wofür wir kämpfen sollen. Er lehrt uns eine Methode, Fragen zu stellen, einen Weg, die Wirklichkeit zu befragen; er lädt uns dazu ein, individuell und gemeinsam , ganz anders zu sein, als wir jetzt sind.
Amia Srinivasans Das Recht auf Sex ist eine brillante Vorführung dessen, was kritisches feministisches Bewusstsein ist. Es liefert keine Theorie, ist kein politisches Programm. Es stellt die Annahmen, die unsere tägliche Insze-nierung von Geschlecht und Sex („Sex“ als anatomisches Geschlecht und Sexualität zu verstehen) strukturiert in Frage, genauso wie die Annahmen, von denen eine Reihe feministischer KritikerInnen sich leiten lässt. Es ist, unter anderem, ein Einblick in die innere, mühsame Arbeit eines feminis-tischen, kritischen Bewusstseins während es sich entwickelt, um den Anforderungen des Augenblicks zu entsprechen.
Die verschiedenen Essays in „Das Recht auf Sex“ sind auf wichtige Werkzeuge aus dem Werkzeugkasten der Kritik angewiesen. Ich werde vier davon herausstellen: Entlarvung, Paradigmenverschiebung, sorgfältige Beachtung materieller Bedingungen und Misstrauen gegenüber Macht. Fangen wir mit Entlarvung an.
Es ist verführerisch zu denken, dass wir alle zustimmen können, dass Verge-waltigung etwas Schlimmes, sehr Schlimmes ist. Warum passiert es dann so oft? Das bleibt ein Rätsel. Jede dritte Frau und jeder vierte Mann hat „körperliche sexuelle Gewalt erfahren“, so das „US Center for Disease Control and Prevention“ und „fast jede fünfte Frau und jeder achtundreißigste Mann haben eine vollständige oder versuchte Vergewaltigung erfahren.“ Jugendliche Transgendermenschen und Menschen mit Behinderung sind besonders gefährdet. Es ist nicht plausibel, dass diese Gewalt passiert, weil die Täter willensschwach sind, dass sie es nicht stoppen können, obwohl sie wissen, dass es moralisch falsch ist. Die #MeToo-Bewegung – errichtet auf anhaltenden Bemühungen, auf sexuelle Belästigung, sexuelle Gewalt, Sex-handel hinzuweisen, hat aus dieser Plage ein Thema der öffentlichen Diskussion gemacht.
„Entlarvung“ zielt auf Mythen die mit dem gesunden Menschverstand verwoben sind oder standardmäßig bei Rechtfertigungen Anwendung finden. Was sind also die allgemeinen Strategien, um sexuelle Angriffe und Vergewaltigung zu verdecken oder zu entschuldigen? Da gibt es natürlich viele. Eine vertraute Antwort auf die Forderungen der #MeToo-Bewegung ist, dass die Grenze zwischen Vergewaltigung und Nichtvergewaltigung sich verwischt hat und dass es unfair ist, Männer aufzufordern, sich den neuen Standards anzupassen, die ständig in Bewegung sind. Srinivasans Entlarvung dieses Gedankenstrangs ist überzeugend: Männer wissen genug, um Vergewaltigung zu vermeiden oder könnten genug wissen, wenn sie aufmerksam wären:
Wer darauf besteht, dass Männer nicht in der Lage sind, es besser zu wissen, leugnen, was Männer gehört und gesehen haben. Männer haben gewählt, nicht zuzuhören, weil es ihnen so passt, weil männliche Normen ihnen gebieten, dass ihr Spaß Vorrang hat, weil alle anderen Männer um sie herum, es genauso handhaben. Die Regeln, die sich wirklich geändert haben und sich weiterhin ändern, betreffen nicht so sehr, was gut oder schlecht beim Sex ist… sondern dass Männer nicht länger darauf vertrauen können, wenn sie Schreie und Stillschweigen der Frauen, die sie erniedrigen, ignorieren, dass das keine Konsequenzen haben wird.
Die vollständige Übersetzung findet ihr hier:
Rezension
Sprache und Sein von Kübra Gümüşay
(2020, Hanser Berlin, 18 Euro)
von Dorothee Braunwarth
Kübra Gümüşay ist Autorin, Journalistin und Aktivistin. Ihre Familie ist türkischstämmig, sie wuchs in Deutschland auf und studierte u.a. in Großbritannien. Als feministisch und antirassistisch engagierte Frau, die Kopftuch trägt und auf verschiedenen Plattformen on- und offline ihre Stimme erhebt sowie publiziert, steht sie bereits seit einigen Jahren in der Öffentlichkeit. Anfang dieses Jahres erschien nun ihr Buch Sprache und Sein, das laut Klappentext fragt: Wie können wir als Gesellschaft über Probleme sprechen, ohne den Hass der Rechten zu nähren – respektvoll, wohlwollend, ohne Angst vor Fehlern? Wie können wir frei sprechen?
Meiner Einschätzung nach löst der Essay dieses Versprechen aber nur bedingt ein – trotzdem ist er, gerade für Personen, die speziell von rassistisch motivierter Diskriminierung nicht betroffen sind, sehr erhellend und unbedingt lesenswert. Kübra Gümüşay stellt das Thema in engem Bezug zu ihrer eigenen Biographie und Erlebnissen dar. So wird sehr eindrücklich geschildert, warum für sie als muslimische Frau mit türkischstämmigen Eltern, also als Person, die aufgrund mehrerer Aspekte marginalisiert und diskriminiert wird, das Thema Sprache und deren Wirkmacht schon auf ganz persönlicher Ebene so wichtig ist. Sie stellt aber auch den Bezug zur größeren gesellschaftlichen Dimension her und zitiert aus Forschungsergebnissen, z.B. zum Thema Gender und Sprache. Dieser Ansatz ermöglicht es v.a. Leser*innen, die selbst nicht direkt von Rassismus betroffen sind, wirklich einmal im Ansatz nachzuvollziehen, was es bedeutet, sich eben tagtäglich mit Ablehnung, Feindseligkeit und Nicht-Gehört-Werden auseinandersetzen zu müssen, weil man von außen gezwungen wird; dies wird sehr eindrücklich, wenn die Autorin Erlebnisse beschreibt, die sie bereits als Kind hatte: Etwa wie sie als junges Mädchen von Fremden in der U-Bahn mehr oder minder für die Anschläge des 11. Septembers verantwortlich gemacht wurde.
Einen Aspekt, der mir allgemein und hinsichtlich des Themas Diskriminierung hier besonders wichtig erscheint, ist der von Gümüşay beschriebene Mechanismus der Kollektivierung von Menschengruppen. Aus dem sinnvollen und notwendigen Streben des Menschen, die Umwelt in Kategorien einzuteilen, die unser Gehirn braucht, um überhaupt funktionieren zu können, entsteht die ungute Tendenz, eine Person (1) auf ein Attribut (z.B. ihre Religion) zu reduzieren und (2) sie (als bereits „reduzierte“ Person) als Vertreterin einer ganzen großen Gruppe zu verstehen. Aus einer Frau mit Kopftuch wird so die Repräsentantin der Kopftuchträgerinnen, welche z.B. nun in dieser Rolle in Talkshows sitzen muss. Dass Sprache an diesem Geschehen einen großen Anteil hat und extrem ausschließend und reduzierend wirken kann, ist klar. Was meiner Meinung nach in diesem Werk aber nicht passiert, ist eine sprachphilosophische Auseinandersetzung mit dem versprochenen Thema im eigentlichen Sinne, wie sie der Titel erwarten lässt; es werden in dieser Hinsicht lediglich (viele) Zitate angeführt, v.a. von Philosoph*innen, Dichter*innen, aber auch aus der Popkultur, die meist den Kapiteln vorangestellt sind. Sie werden aber eher eingeworfen denn eingebunden und meist nicht weiter diskutiert oder erläutert – ohne Kontext und teilweise auch ohne historische Einordnung hält sich meiner Meinung nach deren Mehrwert jedoch in Grenzen. Die Lehren von Aristoteles, Wittgenstein und co. zu bestimmten Themen lassen sich nämlich kaum in zwei Sätzen zum Ausdruck bringen bzw. werden durch diese nicht wirklich verstehbar und ersichtlich. Und den ebenso angeführten Nietzsche mit dem Ziel des Buches eines respektvollen, wohlwollenden Sprechens in Einklang zu bringen, fällt doch sehr schwer angesichts seiner Theorien.
Das Buch löst also diese Erwartung für mich nicht ein, dadurch wird es aber nicht weniger lesenswert. Es macht rassistische Strukturen und Mechanismen, auf struktureller sowie persönlicher Ebene, sicht- und fühlbar (auch wenn klar ist, dass ein tatsächliches Hineinversetzen in die Autorin speziell für mich als weiße Frau nur sehr begrenzt möglich ist). Hierin liegt für mich die große Stärke von Gümüşay: Sie ermöglicht es der/dem Leser*in, einfach mal zuzuhören. Weder versucht sie die Thematik zu entemotionalisieren (denn gehasst zu werden, tut nun mal weh), noch liefert sie Vereinfachungen der Sorte „Wir müssen uns einfach alle lieb haben“. Auch ist Gümüşays „Botschaft“ trotz allem nicht nur pessimistisch, denn sie ist durchaus der Meinung, dass wir als Gesellschaft uns in diesem Aspekt weiterentwickeln können. Sie ermutigt dazu, diskriminierten Menschen zuzuhören, sie und ihre Erfahrungen ernst zu nehmen – und dabei anzuerkennen, dass letztere zwar repräsentativ für strukturelle Probleme sind, die Menschen selbst jedoch als von diesen betroffene Individuen zu sehen, und nicht als Vertreter*innen eines Kollektivs. Dies kann zu bewussterer Sprache/Sprechen und damit hoffentlich zu besserer Verständigung und einer nicht feindseligen, sondern verständnisvollen Debattenkultur führen.